Litera-tour d’Amour – Liebeslyrik am Rosenstein-Gymnasium

Seit 1974 reist er in viele Städte und Gemeinden, besucht Schulen und ist aktiv auf sein Ein-Mann-Theater konzentriert. Alfred Peter Wolf will mit seinen Auftritten Werte vermitteln. Mit dem Motto „Andere Bühne – die Stimme“ macht er seinem Solo-Auftritt alle Ehre. 

Von Kristina Tischler

LESUNG

Bei einer SaRose-Veranstaltung zur Liebeslyrik wurden die Zuschauer auf eine Reise in die dichterische Welt der Liebeslyrik mitgenommen.

Mit durchdringendem Blick schaut der weißhaarige Mann mit seinen kleinen schwarzen Mandelaugen ins Publikum und hebt beide Arme in die Luft: „Meine Aussagen gehen herzwärts.“ Die Augen funkeln hinter den dicken Brillengläsern und wollen nachdenkliche Gesichter erfassen. Die Zuschauer lassen sich von ihm auf eine Reise in die dichterische Welt der Liebeslyrik mitnehmen und warten gespannt auf das erste Gedicht. Der Eingangsbereich des Jugendstil-Gebäudes und die dezente Beleuchtung schaffen eine intime Atmosphäre. Die Litera-tour d’Amour, zu der SaRose ins Heubacher Rosenstein-Gymnasium geladen hat, kann beginnen. Nach der Einführung verschwindet Alfred Peter Wolf mit erhobenem Kopf im Eilschritt hinter eine der beiden aufgestellten Stellwände. Stille. Wenige Augenblicke später kommt er in einem langen braunen Mantel mit langsamen Schritten aufs Publikum zu, faltet seine Hände und trägt sein erstes Gedicht vor. Seine angenehm tiefe Stimme klingt klar und artikuliert die wichtigsten Stellen des Gedichtes in einer Art und Weise, die genau in die Richtung gehen, die er ankündigte: herzwärts. Er eilt hinter die mit Stoff bezogene Stellwand und kommt mit Hut und Stock und schlüpft mit anderem Gesichtsausdruck und anderer Stimmlage in ein anderes lyrisches Ich. Auch während des Vortrags wechselt er manchmal die Perspektive. 

Während der erste Teil von Goethes „Willkommen und Abschied“ noch einen wagemutig jungen Mann präsentiert, spricht Wolf den zweiten Teil als melancholisch-glücklichen Rückblick eines gereiften Goethe der Marienbader Elegie. Mit leicht zusammengekniffenen Augen blickt er in die Ferne: „Welch ein Glück geliebt zu werden, und lieben, Götter, welch ein Glück!“  Im ersten Teil des Abends präsentiert Wolf fünf Liebesgedichte aus fünf Jahrhunderten und so trägt er Werke von Angelus Silesius, Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Bertolt Brecht und von Herbert Grönemeyer vor. Mit Aphorismen wie dem  von Gabriel Marcel „Menschen zu lieben heißt zu sagen, du wirst nie sterben für mich“ sensibilisiert er das aufmerksame Publikum für sein Thema. Überzeugend stellt der erfahrene Schauspieler sein Können unter Beweis. Wankend steht er und spricht den leeren Stuhl neben sich mit „Busfahrer“ an. Blitzschnell setzt er sich auf den besagten Stuhl und macht mit seinen Armen Lenkbewegungen nach. Der Dialog verläuft weiterhin so, dass Wolf einfühlsam Persönlichkeit, Mimik, Gestik und Sprache verändert. Seine Mundwinkel spannen sich und in klarem Bühnendeutsch verdeutlicht er mit Hilfe einer Streichholzschachtel die Geschichte des „Jünglings“ von Heinrich Heine, „dem das Herz entzwei bricht.“  Das Potpourri mit Heine-Gedichten gehört mit zum farbigsten, was die anderthalbstündige Soirée zu bieten hatte. Überzeugend lässt Wolf in Heines „Sie saßen und tranken am Teetisch“ den dürren Hofrat mit seiner Gattin, den Domherrn, das Fräulein und eine Gräfin über das Wesen der Liebe räsonieren. 

Aus der Perspektive des faszinierten Rheinschiffers gespielt, eröffnet „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ neue Einblicke in das Verhältnis der Geschlechter und in die Macht des verführerischen Gesangs der Loreley. Dem Zuschauer wird eine breite Palette von Autoren und Themen geboten. Von ersten Liebeserfahrungen, gescheiterter und geglückter Liebe bis hin zur großen Liebe und ihren Geheimnissen spricht der in München ausgebildete Schauspieler mit einer Überzeugung, sodass sogar einige Zuschauer wissend lächeln und zustimmend mit dem Kopf nicken. Der Rezitator hält seinen Mantel wie seine Geliebte im Arm, küsst ihn und trägt dabei eines seiner Lieblingsgedichte vor: Das bekannte Gedicht „Erinnerungen an die Marie A.“ von Brecht. Er sagt, dass er sich gut in die Situation der lyrischen Ichs hineinversetzen könne, schildert aber auch sein Lampenfieber. „Mit der Zeit habe ich Angst, meine Texte zu vergessen.“  Nachdem er die Schauspielschule in Reutlingen abschloss und viele Jahre als Student schon in Erlangen in kleineren Gruppen geschauspielert hat, war das Ein-Mann-Theater sein großes Ziel geblieben. Später war Wolf auch als Lehrer an Gymnasien in Schwäbisch Gmünd und Ellwangen tätig. Er war Leiter zahlreicher Kurse und Workshops im In- und Ausland und hatte einen Lehrauftrag im Bereich darstellendes Schauspiel an der PH in Schwäbisch Gmünd. Seit 1974 reist er in viele Städte und Gemeinden, besucht Schulen und ist aktiv auf sein Ein-Mann-Theater konzentriert. Er will mit seinen Auftritten Werte vermitteln. Mit Dem Motto „Andere Bühne – die Stimme“ macht er seinem Solo-Auftritt alle Ehre. Als am Ende der Soireé das Gedicht von Marie Luise Kaschnitz noch lange bei den Zuschauern in aller Stille nachhallt, löst Wolf den Zauber mit den Worten: „Der beste Applaus ist dieses stille In-sich-Gehen des Zuhörers.“

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