Die Angst vor fremden Genen. Was Befürworter und Kritiker der Gentechnik gerne verschweigen. 

Ein viertes Mal nach 2003, 2007 und 2009 war es uns gelungen, Udo Pollmer, Deutschlands renommiertesten Lebensmittelanalytiker und Ernährungsspezialisten nach Heubach zu holen. Seine Bestseller stellen vieles auf den Kopf, was wir über Ernährung zu wissen glauben. Am 30.01.2012 konnten etwa 150 Gäste aus der Schule sowie interessierte Bürger Udo Pollmer genießen. 

VORTRAG

Der bekannte Ernährungsexperte Udo Pollmer sprach am Rosenstein-Gymnasium über „Die Angst vor fremden Genen. Was Befürworter und Kritiker der Gentechnik gerne verschweigen“

Von Laura Rodríguez Knödler

Alle paar Monate flammt die Debatte wieder neu auf und hunderte von Menschen marschieren tagelang an Feldern entlang und demonstrieren mit Sprüchen wie „Genfrei - Sei dabei!“ und „Meine Gene gehören mir“. Doch was steckt eigentlich hinter dem Begriff „Gentechnik“? Verrückte Wissenschaftler, die in gefährlichen Experimenten Mais mutieren lassen? SaRose lud den Lebensmittelanalytiker Udo Pollmer dieser Tage in die Aula des Rosenstein-Gymnasiums nach Heubach ein, der mit so manchem Vorurteil aufräumte. 150 Zuschauer folgten den teils provozierenden, immer aber aufklärerischen Gedankengängen zu Verfahren der Pflanzenzüchtung. 

Wissen Sie eigentlich, was da drin ist, in Ihrem allmorgendlichen Müsli? Und im Joghurt? Nein? Bestimmt keine Gentechnik, hört sich ja auch so gesund an. Und im Marmeladenbrot auch nicht. Na, dann schauen Sie mal auf die Verpackungsrückseite. Steht da etwas von Aromen, Enzymen, Farbstoffen, Vitaminen oder Aminosäuren? Falls ja, dann sind Sie der glückliche Besitzer eines gentechnisch veränderten Produktes. Falls nein, dann schauen Sie trotzdem noch einmal genauer hin. Haben Sie beispielsweise eine Flasche Orangensaft mit der verlockenden Aufschrift „100% Vitamin C“ auf dem Frühstückstisch stehen, dann dürfen Sie sich zur ersten Gruppe dazuzählen. Doch keine Panik! Im Supermarkt oder beim Biobauern werden Sie nichts Besseres finden. Auch letztere setzen ihrem biologischen Futter gentechnisch erzeugte Vitamine hinzu. Doch erst einmal der Reihe nach: Was ist Gentechnik überhaupt? Als Gentechnik bezeichnet man biotechnologische Vorgänge, bei denen das Erbgut eines Organismus verändert wird, um bestimmte Eigenschaften hinzu- oder wegzuzüchten. Ziele der Gentechnik sind ein niedrigerer Pestizideinsatz, dafür Lebensmittel mit höherer Qualität und Quantität. Das ist bei der derzeit global explodierenden Bevölkerungszahl wichtig, um ein ökologisches Gleichgewicht wiederherzustellen.

Pollmers Meinung nach ist die Gentechnik die einzige Möglichkeit, um Hungersnöte und um die durch die Globalisierung verursachte, immer schnellere Verbreitung von Schädlingen abzuwenden. So weit, so gut. Aber irgendwas muss doch dahinter stecken, wenn 78% der Deutschen kein mutiertes Essen wollen. Der große Nachteil der Gentechnik und das häufigste Argument der Gegner ist die Tatsache, dass gentechnische Versuche unvorhersehbar sind, das heißt, es kann alles Mögliche dabei entstehen. Gesünderer Mais und giftiger Mais, ertragsreiches Soja und unfruchtbares Soja. „Die einzige Möglichkeit, die totale Kontrolle über die Entstehung neuer Arten zu haben, funktioniert aber nur durch Kastration und Klonen. Am unsichersten ist die Natur, die Gentechnik ist da schon berechenbarer“. Pollmer erklärt dies mit einem Beispiel: Im Jahr 1956 siedelte man tansanische Bienenköniginnen in Brasilien an, damit diese sich mit den dortigen europäischen Bienen paaren könnten. Das Resultat war keineswegs das erhoffte: Anstatt produktiverer Honigbienen schaffte die Natur zutiefst aggressive Killerbienen. Und die einzige Technik, die hier im Spiel war, war das Zufallsprinzip der Natur. Keine Atomphysik, keine Biotechnologie. „Vollkommene Natürlichkeit ist eine religiöse Wahnvorstellung. Wenn man gegen fremde Gene ist, stellt man sich gegen die Artenvielfalt und somit gegen die Natur“. Für Udo Pollmer sind Biolebensmittel allerdings keine wirklich bessere Alternative. Denn die sogenannte Zellfusiontechnik, die viele Konzerne als biologisch tarnen, sei nichts anderes als Gentechnik, nur bei Weitem nicht ganz so zielgerichtet und risikoarm. „Was die machen ist nichts anderes, als eine Druckerei so lange explodieren zu lassen, bis ein neues Wort entsteht“. 

Das alles heißt aber nicht, dass Gentechnik alternativlos ist, „aber man muss bedenken, dass es bei all den Risiken, von vermehrtem Insektensterben bis zu hohem Einsatz an Pflanzenschutzmitteln und der Resistenz der Schädlinge, auch einen sehr großen Nutzen gibt“. Und prinzipiell ist jede Mutation, egal ob sie durch Zufälle in der Natur, durch Schrotschussverfahren in einem Atomreaktor oder durch klassische Züchtung erfolgt ist, ein Eingriff ins Ökosystem. „Das wichtigste ist, dass wir uns nicht gegen den ständigen Genfluss stellen. Den brauchen wir, um uns an die Realität anzupassen, denn die Natur evolutioniert sich ja auch ständig. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen keine Angst mehr haben, denn ängstliche Menschen können nicht mehr logisch denken. Gentechnik ist nicht das Nonplusultra, aber wir brauchen sie, damit die Weltbevölkerung auf Dauer überleben kann. Sie birgt Risiken, aber enorme Chancen. Insofern darf man Gentechnik nicht pauschal als Teufelszeug beurteilen“.

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