Werther: 
Die Geschichte 
einer Verletzung

Zur Melodie von „Hollywood Hills“ von Sunrise Avenue betritt ein junger Mann die zur Bühne umfunktionierte Aula des Rosenstein-Gymnasiums. Schwarzes Haar, eine schwarze Hose und ein eng anliegendes weißes Hemd, es ist Lukas Aue, ein ehemaliger Schüler der Heubacher Schule. Am Donnerstag, den 13. November durfte das Publikum in der, bis auf den letzten Platz gefüllten Aula, das Stück „Werther- die Geschichte einer Verletzung“ genießen. 

Theater

Das Publikum durfte in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula das Stück „Werther – die Geschichte einer Verletzung“ genießen.

Von Leonie Riek

Es herrschte eine gespannte Stille im Raum. Aue alias Werther setzt sich an einen Tisch, vor ihm liegen Pistole und Seil. Das Licht ist nur auf ihn gerichtet. Er nimmt die zwei als Requisiten aufgestellten Stühle und das Seil und versucht sich umzubringen, bricht aber ab und beginnt die Geschichte „Die Leiden des jungen Werthers“ von Goethe nachzuerzählen. Nach der Rezitation der ersten Textpassage machen sich alle auf eine circa 60-minütige gekürzte Nacherzählung der tragischen Liebesgeschichte bereit. Doch keiner rechnet mit den Entertain-Künsten von Aue. 

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Plötzlich dringt laute Musik aus den zwei großen Lautsprechern, die links und rechts positioniert sind und Laible fängt an sich zu bewegen und zu tanzen, was zuerst für Überraschung und im nächsten Moment zu Gelächter im Publikum sorgt. Zwischen den mit Musik unterlegten getanzten Szenen scheint der psychisch labile Werther durch, der mit allen Mitteln versucht, sich umzubringen. 

Im Laufe der ersten Viertelstunde liegt der Schwerpunkt auf dem Kennenlernen seiner großen Liebe Lotte. Ihre Rolle kommt jedoch nicht zu Wort und wird auch nicht von einer Schauspielerin gespielt, da das gesamte Stück in Briefen erzählt wird, wie bei Goethes Vorlage. Er beginnt sich in diese faszinierende Frau zu verlieben, obwohl sie mit Albert verlobt ist. Da dieser sich jedoch momentan auf einer Geschäftsreise befindet, ist er glücklicher als je zuvor, da er Zeit mit seiner Lotte verbringen darf. Zumindest nach außen hin. In seinem Innenleben herrscht jedoch Unentschlossenheit, weitere Suizidversuche folgen. In der darauffolgenden Viertelstunde steht die Liebe zu Lotte im Mittelpunkt, die Aue zum Teil erzählt, zum Teil tänzerisch darstellt. Die Bewegungen sind leicht und voller Leben. Saltos, Kopfsprünge und Überschläge drücken seine Lebensfreude aus. Er springt in das kleine grün umrandete Bällebad, das mit durchsichtigen Kugeln gefüllt ist, während aus den schwarzen Lautsprechern eine Stimme dringt, die die Handlung weitererzählt. „Ach wie mir das durch alle Adern läuft, Nein, ich betrüge mich nicht! Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre Teilnehmung an mir und meinem Schicksal. Ja ich fühle, und darin darf ich meinem Herzen trauen, dass sie - o darf ich, kann ich den Himmel in diesen Worten aussprechen? – dass sie mich liebt!“ 

Werther glaubt also zu fühlen, sie liebe ihn und wenn sie ihn liebt, liebt er sich auch. Alles scheint gut zu werden, bis nun Lottes Verlobter, Albert, wieder in der Stadt ist. Werthers Stimmung ändert sich allmählich wieder, auch wenn er versucht trotzdem ein freundschaftliches Verhältnis zu Albert aufzubauen. Der Schwerpunkt nach der Hälfte des Stückes liegt auf dem Gespräch zwischen den beiden, bei dem sie über Selbstmord oder die Schwermut diskutieren. Obwohl Aue beide Rollen selbst spricht, wird der Unterschied zwischen den beiden Charakteren, Werther voll stürmischer Gefühle und Albert, der Vernünftige, sehr deutlich. Werther sagt, sie gingen auseinander, ohne einander verstanden zu haben, wie auf dieser Welt keiner den anderen versteht. 

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Ab diesem Zeitpunkt geht es rasant abwärts mit der psychischen Standhaftigkeit Werthers. Er hält Monologe, in denen er über Selbstmord aus Liebe nachdenkt. Zwischen den deprimierten Monologen gelingt es Aue, seine Verzweiflung akrobatisch auszudrücken. Die Saltos und Kopfsprünge werden durch einfaches Fallenlassen auf den „Beckenrand“ des Bällebads ersetzt. Werther ist unglücklich verliebt. „Ich sehe diesem Elend kein Ende als das Grab.“ Aue zieht daraufhin eine rote Kugel hervor und beschäftigt sich mit ihr. Die Rolle der Kugel stellt den zentralen Begriff des Wortes „Herz“ in Goethes Originalfassung dar. Sobald er fertig ist, sich intensiv mit ihr zu beschäftigen, begräbt er die Kugel im Bällebad. In diesem Moment hätte man mit Sicherheit eine Feder im Publikum fallen hören. 

Er geht daraufhin entschlossen in Richtung Tisch, schaut zuerst auf die Uhr, dann auf den Tisch und nimmt sich schließlich die Pistole, dann blickt er verbittert an die Wand, es ist zwölf Uhr am 23. Dezember 1772. Er läuft zurück und stellt sich in die Mitte der improvisierten Bühne. Beide Scheinwerfer leuchten nun wieder nur ihn an. Er hält sich die Waffe an die Schläfe und sagt: „Lotte, lebe wohl.“ Hollywood Hills ertönt erneut und die Bühne verdunkelt sich. Werther, alias Lukas Aue liegt reglos auf dem Boden. Es folgt ein nicht mehr enden wollender Applaus. Der Darsteller verbeugt sich dreimal, er kommt bis ganz zum Boden. 

Das erklärt das Akrobatik-Studium Berlin, das der 33-Jährige nach dem Abitur 2003, bei dem er noch als Lukas Laible bekannt, war in Angriff genommen hat. Nun ist er ausgebildeter Bühnenakrobat und hat eine Zirkusausbildung.

Das Werther-Stück selbst feierte im Mai 2014 seine Premiere beim „Wasserburg Theaterfestival“. Das Ziel war eine Inszenierung des Buches zu fertigen, das gezielt die Schüler, die aufs Abitur zugehen verstehen sollten. Diese Idee stammt vor allem von Laibles Frau Daniela Aue, die auch entschieden hat, das Stück nur auf den Liebeskonflikt zu reduzieren. Trotzdem hat der ehemalige Schüler des Rosenstein-Gymnasiums, es geschafft, ein Publikum 60 Minuten lang zu fesseln und selbst Leuten, die das Buch nicht mögen, es mit seiner choreografischen Art näher gebracht.



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