„Medizin ist das eine, Gottvertrauen das andere“


Mit einem Vortrag über Kinderintensivmedizin eröffnete Prof. Dr. Jochen Riedel eine Ringvorlesung an fünf Abenden von Professoren und Chefärzten des  Stauferklinikums. In der Vortragsreihe soll überlegt und diskutiert werden, ob medizinische Leitlinien ausschließlich unser Handeln bestimmen sollen oder ob es Situationen geben könnte, bei denen ethische Bedenken bestehen, therapeutische Maßnahmen fortzuführen.

Von Theresa Bäuml

Vortrag

Prof. Dr. Jochen Riedel von der Stauferklinik spricht am Rosenstein-Gymnasium über den Grenzbereich zwischen Medizin, Technik und Ethik

Ethische Hinterfragungen sind besonders im Themengebiet der Schwangerschaft präsent. Entspricht es dem Wohl des Kindes, es trotz geringer Lebenserwartung, lebenslänglichen Beeinträchtigungen und dem maximalen Ausschöpfen von Therapiemaßnahmen auf die Welt zu bringen?

Dieser Frage musste sich auch Familie Wolf stellen, da im letzten Jahr bei der werdenden Mutter eine Mutterkuchenunterfunktion diagnostiziert wurde.

Da der kleine Mick jedoch ein Wunschkind war, wollten die Eltern dem kleinen Kämpferherzen eine Chance geben. Und so wurde er nur zwei Tage nach Diagnosestellung, in der 26. Schwangerschaftswoche, mit einer Größe von 26cm und einem Gewicht von 320g in einer komplizierten OP auf die Welt geholt. Zum Vergleich: ein Neugeborenes wiegt bei der Geburt etwa 3200g.

Anhand dieses Fallbeispiels erklärte Riedel die Grenze zur Lebensfähigkeit bei Frühgeburten. Obwohl in Deutschland eine Behandlung ab der 24. Schwangerschaftswoche üblich ist, überleben nur 50% der Frühchen und sind in 20-30% der Fälle auf lebenslange Hilfe angewiesen.  

Während man in Deutschland technische Schwierigkeiten beim Behandeln in Kauf nimmt und die Kosten, die bei einer solchen Behandlung ins Unendliche laufen können, eher selten interessieren, ist die Einstellung in der Schweiz radikaler. Dort akzeptiert man den Tod eines Kindes, denn es gehe nicht nur um die Frage, ob das Überleben, sondern auch darum, ob ein „normales“ Leben für das Kind und dessen Eltern möglich sei. Riedel betonte an dieser Stelle, dass es in diesen Entscheidungsfragen in Deutschland an Aufklärung und Foren zur Diskussion mangelt.

„Die Betroffenen fühlen sich allein gelassen, viele Ehen zerbrechen an dem Druck und die Politiker interessieren sich nur für Krieg“, so Riedel. Die Arbeit der Ärzte erfordere Disziplin, Verlässlichkeit und Vertrauen. Vor allem Letzteres kann in Frage gestellt werden, wenn es um jüngste Manipulationen von Ärzten in Sachen Spenderherzen für Kinder geht. In Deutschland werden jährlich rund 300 Kinderherztransplantationen vorgenommen, dabei werden weitaus mehr Kinderherzen benötigt, als vorhanden sind. Da die Spendenbereitschaft in den letzten Jahren stark abgenommen hat, ruft Riedel zum Diskussionsprozess auf und legt jedem ans Herzen, sich einen Organspendenausweis zuzulegen – getreu nach dem Motto „Wie du mir, so ich dir“.

Menschlich und ethisch zu hinterfragen ist auch die Strafbarkeit der Zirkumzision, der Beschneidung von muslimischen Jungen. Es ist kaum vorstellbar, dass es in Deutschland gesetzlich erlaubt ist, dass in den ersten sechs Lebensmonaten jeder beschneiden darf, auch wenn er kein Arzt ist. Dabei ist die Beschneidung von Mädchen verboten, von Jungs allerdings gestattet. Anhand von zwei Bildern konnte Riedel drastisch verdeutlichen, wie dilettantisch dabei auch in unserer Gegend „operiert“ wird und welche dauerhaften Verstümmelungen den Jungen dabei zugefügt werden.

Gegen diese grenzwertige Gesetzeslage protestieren Organisationen, wie die BVKJ (Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte) und DAKJ (Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin), von denen auch Prof. Dr. Riedel Mitglied ist. Die Ziele sind fest verankert: Abschaffung schädlicher Bräuche, die Rücknahme des Gesetzes und Schutz aller Kinder weltweit vor jeglicher Verletzung. Es geht dabei insbesondere um das Recht auf Selbstbestimmung und Schutz der körperlichen Unversehrtheit der Kinder.

Aus den eben aufgeführten Gründen macht das Stauferklinikum keine Beschneidungen. Die Ärzte des Stauferklinikums sehen das Kindeswohl im Vordergrund und setzten sich mit einer hauseigenen Ethikkommission, dem Bunten Kreis, für Familien ein. 

Riedel selbst habe keine Lösung, wie man Medizin, Technik und Ethik am menschenwürdigsten unter einen Hut bringen kann, er ruft jedoch zu mehr Transparenz und Diskussionen in Politik und Gesellschaft auf, denn „die Medizin trieft vor Ethik“.

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