Durch die Welt ein Riss

Ins Dunkel getaucht ist die Aula des Rosenstein-Gymnasiums, Musik der Französischen Revolution erklingt und eine kleine Baby-Puppe eingehüllt in Plastik liegt ganz alleine auf einem Podest. Welch groteske Vorstellung, denn auch die restliche Kulisse bestand nur aus Jute und Plastik, eine unwirkliche Umgebung für ein kleines Kind. Dann drücken sich nach und nach geheimnisvolle Fratzen durch die auf Holzäste gespannte Jutewand. 

Von Leonie Krieg, J2 (Klasse 12)

„Wir armen Leut“, so klingt einer der ersten Sätze des Theaters „büchner.die.welt.ein riss.“ des Regisseurs Thorsten Kreilos. Das Konzept dieses Zusammenschnittes der Werke Büchners ist ein reduziertes, aber umso effektiveres. Es baut auf eine intime Nähe zum Publikum auf, denn Schauspieler Georgios Tzitzikos und Zuschauer trennen nur maximal zwei Meter, so setzt der Schauspieler auch gezielt auf Blickkontakt, um direkt anzusprechen und aufzurütteln. 

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Aufwecken wollte auch Georg Büchner in der Zeit des Vormärzes, denn die Deutschen galten schon immer als „Schlafmützen“ was revolutionäre Gedanken betrifft. So schneiden all seine Werke ähnliche Themen an, egal ob in frühen Jahren der Hessische Landbote oder in seinem letzten, unvollendeten Werk Woyzeck, die alle von Kreilos in dieses Stück zu einem roten Faden verarbeitet wurden. Zu diesen Leitthemen gehören die Risse des menschlichen Seins, das schon bei seiner Geburt zum Tode verurteilt ist, dem Riss der Gesellschaft durch Trennung von Arm und Reich, aber auch der Melancholie, der Unfähigkeit des Menschen etwas zu tun, da es scheinbar nichts ändert. 

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Wenn man diese Thematiken betrachtet, erkennt man, dass sie immer noch den Zeitgeist und heutige Probleme treffen. Ebenso modern wie die Themen war die Darstellung, denn durch Wegreißen von Planen, „Aufreißen“ von Gefühlen und Maskierung, taucht der Betrachter immer tiefer in die Gefühlswelt Büchners ein und somit auch in unsere eigene Geschichte. Dies konnte nur durch ein herausragendes Spiel von Tzitzikos erreicht werden, denn er als einziger musste in jegliche Personen und deren Gefühlswelt eintauchen und dies teils in sekundenschnelle ohne oder mit nur wenigen Requisiten. Am deutlichsten wurde dies im Streitgespräch zwischen Danton und Robespierre aus „Dantons Tod“. Der Riss ging hier mitten durch ihn hindurch. Seine linke Körperhälfte verkörperte den späteren Schreckensherrscher Robespierre, während seine recht Körperhälfte dem ebenfalls blutbefleckten Danton mit seiner fatalistischen Grundhaltung gehörte. In der anschließenden Diskussion verriet der Schauspieler dann auch, welche seine „Lieblingsfigur“ war und zwar die des Hessischen Landboten, der das Volk ansprechen sollte. Bevor es aber zu dieser Diskussion über Thematiken und Darstellungsweisen kam, wurde es noch einmal düster, denn die Baby-Puppe, die stellvertretend für uns „Menschenkinder“ oder uns als „Marionetten“ steht, wird zu Ende geköpft. Es wurde wieder dunkel in der Aula. Es erklang wieder die Trommelmusik der Revolutionszeit. So fand das Theaterstück ein rundes Ende und die Zuschauer etwas zum Nachdenken. Wir Menschen sind Täter und Opfer gleichzeitig: „Was ist das, was in uns lügt, hurt und mordet?“


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