„Muss es denn ein Flüchtling sein?"

Prof. Dr. Ulrich Müller und zwei Zeitzeugen berichteten am Rosenstein-Gymnasium in Heubach von Deutschen, die nach dem zweiten Weltkrieg aus den eroberten Gebieten in den heutigen Ostalbkreis umgesiedelt wurden – von Abwehrreflexen, aber auch von positiven Erfahrungen.

VORTRAG

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In einem Vortrag gab es viele Informationen zu den vertriebenen Deutschen, die im Ostalbkreis eine neue Heimat fanden.

Von Maximilian Wanzek

Professor Dr. Ulrich Müller wollte gleich zu Anfang verdeutlichen, dass sich viel zu wenige Menschen wahrhaft mit diesem Thema befassen. Müller, der selbst Lehrer am Abendgymnasium ist, begann seinen Vortrag, indem er vom zweiten Weltkrieg berichtete und auf Karten die eroberten sowie die besiedelten Gebiete zeigte, er schilderte den Ausbau einer eigenen Gemeinschaft außerhalb des Deutschen Reiches und kam dann schließlich auf das Hauptthema, die Vertreibung beziehungsweise Umsiedlungen zu sprechen. Hier folgten die ersten Zahlenangaben. Knapp 15 Mio. Deutsche wurden aus ihrer damaligen Heimat vertrieben. Auf Viehwagen, mit maximal 20 Kilo Reisegepäck, wurden sie nach Deutschland zurückgekarrt. Auch nach Baden-Württemberg und in den Ostalbkreis. 2 Mio. überlebten diese Vertreibung nicht. Für eine Stadt wie Schwäbisch Gmünd hieß es dann, rund ein Drittel Neubürger im Zeitraum von eineinhalb Jahren aufzunehmen. Von diesen 16446 waren die meisten Sudetendeutsche. Während diese vielen neuen Bürger in der Hindenburg-Oberschule, dem heutigen Parler-Gymnasium, untergebracht wurden, gründete sich die heute noch existierende Nothilfe, um Kleidung, Essen und andere lebenswichtige Dinge für die Umgesiedelten zu sammeln. 

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Prof. Dr. Ulrich Müller und die Zeitzeugen Ernst Kittel und Dr. Kurt Scholze informierten am Rosenstein-Gymnasium über Vertreibungen der Deutschen aus dem Osten (v.l.n.r.)

Prof. Dr. Ulrich Müller ging an diesem Punkt auch auf die Besatzungsmacht der Amerikaner ein, die die Integration essentiell vorantrieben, um eine Ghettobildung und den Wunsch nach Heimkehr zu vermeiden. Die umgesiedelten Menschen , die inzwischen auf diverse Wohnungen verteilt worden waren, sollten nun vollständig integriert werden. Dazu gehörte zum Beispiel das Einbinden der Umgesiedelten in den hiesigen Wirtschaftszweig. So entstand das früher sehr beliebte Wiesenthal-Glas, das zum Großteil aufgrund der eingebürgerten Arbeitskräfte internationale Anerkennung erhielt. Das Einheiraten in die einheimische Bevölkerung allerdings erfolgte erst in den 50er-Jahren. Müller sagte, er schätze die Integration als leicht ein, auch wenn sie nur schwerlich von statten ging. Für ihn war das „Wirtschaftswunder“ einer der wichtigsten Faktoren der Integration. Das heißt, die Idee von billigen Arbeitskräften, die sich dann jedoch als hervorragende Schmuck- und Modeschmuckhersteller herausstellten und sich vollständig in die Wirtschaft integrieren ließen. Schließlich beendete Ulrich Müller seine Präsentation mit dem Ausblick auf die kommende Ausstellung in Berlin, die voraussichtlich 2014 eröffnet werden wird. Das sogenannte Zentrum gegen Vertreibungen soll die Geschichte Vertriebener aus ganz Deutschland präsentieren. 

Mit dem Hinweis auf das 2012 erschienene Buch „Verlorene Heimat – gewonnene Heimat“ übergab er an Ernst Kittel und Dr. Kurt Scholze. Beide wurden im Alter von 12 Jahren aus Gablonz in Tschechien vertrieben. Dr. Scholze erzählte von einem Projekt, bei dem sie  alle Straßennamen Schwäbisch Gmünds geprüft und dabei 54 Namen gefunden hätten, die in Verbindung mit dem Osten stehen. Als Höhepunkt des Abends empfanden viele die Geschichte von Ernst Kittel, die von ihm sehr ergreifend geschildert wurde. Er berichtete vom Haus seiner Familie an der Neiße, das einfach übernommen werden durfte und wohin er nach 30 Jahren zurückkehrte. Die Frau, die die Tür öffnete, erkannte ihn umgehend als den Jungen wieder, mit dem sie und ihre Familie einige Zeit zusammengelebt hatten. „Arnost!“, rief sie aus (deutsch: Ernst). Als Ernst Kittel dann 2008 nach Gablonz kam, war das Haus in neuen Händen. Mit dem jetzigen Besitzer steht er in regem Kontakt. Für ihn persönlich war die Vertreibung auch ein Gewinn. Die entstandene Freundschaft ist für ihn weitaus mehr wert als das Haus. Der sehr interessante Abend wurde von den beiden Zeitgenossen mit folgendem Wunsch beendet: Sie möchten im Rahmen der Landesgartenschau in Schwäbisch Gmünd einen „Tag der Begegnung“ mit deutschen, tschechischen und polnischen Jugendlichen organisieren und damit beweisen, dass Freundschaft keine „Grenzen“ kennt.

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